Alice’ epische Minecraft‐Nachhilfestunde
Oft wird gesagt, Minecraft sei ein Spiel, das man mit anderen Menschen teilen müsse, um es vollends genießen zu können. Dies kann verschiedene Formen annehmen – ich persönlich ziehe seit etlichen Jahren sehr viel Freude daraus, anderen Leuten einfach dabei zuzusehen, wie sie stinknormales Survival‐Minecraft spielen. Es wird einfach nicht langweilig.
eröffnete sich mir die Möglichkeit, dieses Hobby in eine ganz neue Richtung auszuweiten, und ich dachte mir, es wäre vielleicht unterhaltsam, ein paar der Screenshots, die an diesem Tag entstanden, zu teilen, wie ich es ja auch sonst regelmäßig in den sozialen Medien tue. Für besagte Screenshots bin ich übrigens sehr dankbar – danke, ich! – denn mein Gedächtnis ist bekanntermaßen nicht das beste und ohne diesen Bildband wäre es mir kaum möglich gewesen, die Geschehnisse zu rekonstruieren. Hoffen wir einfach mal, dass meine Nacherzählung nicht all zu sehr von der tatsächlichen Historie abweicht.
Es mag absurd, ja gar paradox klingen, aber auf dieser Welt existieren durchaus Menschen, die nicht ständig Minecraft spielen. Bei einem dieser besonderen Exemplare handelt es sich um meine gute Freundin Alice.
Dass Alice das letzte Mal Minecraft anrührte, lag bereits elf Jahre zurück – wenn nicht sogar länger – weswegen ihr eine Fülle an neuen Features gänzlich unbekannt war. Sage und schreibe 18 Minecraft‐Updates hatte sie in dieser Zeit verschlafen und das konnte ich selbstverständlich nicht verantworten, also bot ich an, ihr auf einem kleinen, privaten Server Nachhilfe zu geben. Für mich sprang auch etwas dabei heraus, denn seitdem der semi‐offizielle Cohost‐Server den Laden dichtgemacht hatte, besaß ich keinen wirklichen Anlaufpunkt für Multiplayer mehr.
Multiplayer ist gruselig, denn im Multiplayer trifft man andere Menschen, und andere Menschen sind gruselig. Aus diesem Grund habe ich in meiner langen und erfüllten Minecraft‐Karriere bislang auch nur sehr sporadisch die schützende Wärme des Einzelspielermodus verlassen. Aber es ist natürlich etwas vollkommen Anderes, wenn man bereits genau weiß, wen man im Spiel antreffen wird. Okay, es ist trotzdem noch eine kleine Herausforderung für mich, selbst mit vertrauten Leuten eine Unterhaltung zu führen, da ich das ehrlich gesagt auch nicht sonderlich häufig tue, aber ohne Übung wird das Problem nicht verschwinden. So gesehen könnten wir uns mit diesem Unterfangen gegenseitig etwas beibringen.
Nachdem uns der Server an einem Strand nahe eines pittoresken Wäldchens ausspuckte und ich mich vergewisserte, dass Alice die grundlegendsten Grundlagen nicht verlernt hatte, begann sofort das traditionelle Einweihungsritual einer jeden Minecraft‐Welt: Bäume verkloppen. Glücklicherweise fiel uns irgendwann noch ein, dass Äxte existieren, und wir stiegen vom Verkloppen aufs Zerhacken um.
Das Sammeln von Holz schien uns so viel Spaß zu bereiten, dass wir die Zeit aus den Augen verloren, denn ehe wir uns versahen, wurde es auch schon Nacht. Zwar konnten wir in einigen flachen Höhlen an der Oberfläche auch kleine Mengen diverser Mineralien abgreifen – unter anderem das allgegenwärtige Kupfer, welches uns später noch gute Dienste leisten würde – aber lediglich mit Steinwerkzeugen und bunten Blumen bewaffnet erschien uns der offene Kampf dann doch etwas zu riskant, also musste eine provisorische Erste‐Nacht‐Hütte her.
Nun, die ganze Nacht lang wollten wir dann doch nicht in dieser winzigen Holzbox mit Grasboden eingepfercht sein. Etwas Risiko muss sein, also nutzten wir vorsichtig diese und die folgenden Nächte für eine Demonstration der im Combat Update von 2016 überarbeiteten Kampfmechaniken: Es bringt nun nichts mehr, so schnell wie möglich auf den Gegner einzuhauen; stattdessen muss auf das richtige Timing geachtet werden, um maximalen Schaden zu verursachen. Es wäre an dieser Stelle zu peinlich zu erwähnen, dass ich diejenige war, die einem Skelett‐Bogenschützen zum Opfer fiel, während Alice die Lage komplett im Griff hatte, also spare ich diesen Teil einfach aus.
Ein großes Problem für uns stellte die Nahrungsversorgung dar. Im Umland unserer Basis wimmelte es zwar nur so von diversen Nutztieren, aber aus einem Grund, der mir leider entfallen ist, entschieden wir uns nach Survival‐Maßstäben erst relativ spät, von diesen auf dem Silbertablett servierten Fleischlieferanten Gebrauch zu machen. Da uns zunächst auch nicht in den Sinn kam, Getreide anzubauen – ich bin eine tolle Lehrerin – schwamm ich stattdessen kurz aufs offene Meer, um Seetang zu sammeln. Behaupten wir, ich wollte einige Neuerungen des Update Aquatic von 2018 demonstrieren. Achja, und als zweite Nahrungsquelle zeigte ich Alice auch noch, wie sich mithilfe des Qualms eines Lagerfeuers sicher wilder Honig sammeln lässt, um direkt Buzzy Bees (2019) mit abzuhaken. Ich hab’s halt doch drauf.
Im Schutze des Tageslichts konnten wir zudem die Zutaten für Kürbiskuchen auftreiben. Allerdings reichte es nicht für sonderlich viele Stücke; besonders Hühnereier stellten einen Engpass dar. Alles in allem war unsere Ernährung nicht sehr abwechslungsreich, aber wenn man versucht, in der Wildnis zu überleben, darf man nicht wählerisch sein.
Wir schmiedeten Pläne für die Erweiterung unseres Hauses. Ich schlug Kupfer als Baumaterial vor – einzig und allein deswegen, weil ich die Steinsäge aus Village & Pillage (2019) vorführen wollte, und definitiv nicht, weil ich seit Einführung dieses Metalls in Caves & Cliffs: Part I (2021) nicht mehr ohne es auskommen kann. Nur stand uns zu diesem Zeitpunkt nicht sonderlich viel Kupfer zur Verfügung, trotz der Materialeffizienz der Steinsäge, also blieb uns zunächst nichts Anderes übrig, als die bemitleidenswerte Größe (oder besser gesagt „Kleine“) des Hauses mehr oder minder beizubehalten. Wir konnten aber zumindest schon mal die als Fenster fungierenden Holzzäune in den Wänden durch buntes Glas ersetzen.
Zudem bekamen wir zwischendurch Besuch von einem fahrenden Händler, der uns allerdings nichts Brauchbares anzubieten hatte. Wir konnten ihm zumindest noch zwei Smaragde aus dem Kreuz leiern, indem wir ihm unseren einzigen Wassereimer verkauften. Und! Da eines seiner getreuen Lamas sich losriss, erhielten wir auch noch ein hochqualitatives Haustier gratis zu unserer Bestellung dazu.
Auf der Suche nach Kühen für unser Tiergehege – wir besaßen zwar bereits eine, aber damit allein ließ sich schlecht Nachwuchs produzieren – machte ich eine Entdeckung nördlich unserer Basis: Ein Schiffswrack. Die vorhandenen Schatztruhen waren ebenfalls keine große Nummer, aber unweit davon fanden wir eine einsame Unterwasserruine, die sich praktischerweise über Wasser befand. Wir rissen sie bis auf die Grundmauern nieder, weil wir die Steinziegel für unseren Fußboden verwenden wollten, und ich erinnerte mich, dass diese Ruinen seit Trails & Tales (2023) die Möglichkeit boten, Archäologie zu betreiben. Durch puren Zufall trug Alice etwas Kupfer und eine Feder bei sich, sodass ich vor Ort einen Pinsel basteln und sie zum Ausbuddeln von Artefakten verdonnern konnte.
So zumindest die Theorie. Meine Anleitung wurde durch das Auftauchen von Phantomen arg unterbrochen. Diese Biester hatte ich überhaupt nicht mehr auf dem Radar. In meiner aktuellen Singleplayer‐Welt, die ich seit zwei Jahren betreibe, wurde ich tatsächlich noch kein einziges Mal von ihnen belästigt. Hier standen wir nun – auf einer winzigen Insel, mitten in der Nacht und im strömenden Regen – und mussten uns mit unseren verschlissenen Schwertern und unvollständigen Rüstungen gegen Angriffe aus der Luft wehren. Wie durch ein Wunder überlebten wir den Hinterhalt und konnten mit der Forschung fortfahren.
Die Chance, in den Kiesablagerungen dieser Ruinen einen Smaragd zu finden, liegt nur bei etwa 13%, also ergatterte Alice natürlich direkt drei (oder waren es sogar vier?) davon – plus noch zwei unterschiedliche Töpferscherben, aber die Wahrscheinlichkeit dafür rechne ich jetzt nicht aus. Mehr war auf dieser mickrigen und offenbar verfluchten Insel nicht zu holen, aber das maritime Abenteuer war noch nicht vorbei, denn unter all unserer Beute befand sich noch eine Schatzkarte, die uns direkt zurück zu dem Strand führte, von wo ich ursprünglich das Schiffswrack erblickt hatte. Wie es der Zufall so will, versteckte sich nur einige Blöcke weiter ein zweites Schiffswrack im Sand – diesmal mit einer ordentlichen Schatztruhe.
Ich lernte hier, dass Alice sich sehr gerne in die Höhe baut.
Okay, okay. Dieser Sandturm diente dem praktischen Zweck, die Stelle mit dem Schiffswrack wiederzufinden. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich die Sichtweite des Servers noch sehr gering eingestellt, da ich meinem monströsen Gaming‐PC irgendwarum nicht zutraute, einen privaten Vanilla‐Server für zwei Leute handhaben zu können. Von daher war es nötig, sich Orientierungspunkte in der Landschaft zu schaffen, auch wenn unsere Basis sich quasi direkt um die Ecke befand.
Während meiner ursprünglichen Kuhsuche hatte ich genügend Wolle gesammelt, um Betten herstellen zu können, und nach Abschluss unserer kleinen, wässrigen Nebenquest kamen wir nun auch endlich dazu, diese in unserer Kupferhütte, welche noch ein kleines Stück zur Seite gewachsen war, zu platzieren und zu benutzen.
Es wurde nun Zeit für eine richtige Höhlentour, also folgten wir dem Pfeil in Alice’ Kopf und begaben uns gen Süden.
Es fanden sich auch bald ein paar Erdspalten, in die wir kriechen konnten. Ich ließ Alice den Vortritt, denn immerhin war dies ja ihr Abenteuer. Ich meine, ihre Nachhilfestunde. Bildung statt Unterhaltung.
Wir waren ursprünglich so arm an Kohle, dass wir die Höhlen nicht mal ordentlich ausleuchten konnten. Nachdem wir ein Loch abgefrühstückt hatten, sammelten wir all unsere Fackeln in umgekehrter Reihenfolge wieder ein, um sie für das nächste Loch verwenden zu können. Nicht alle Höhlen wurden vollständig erkundet. In einer fiel Alice dem Pfeil eines Skeletts zum Opfer und ich musste mich sputen, ihr ganzes Zeug einzusammeln und zurück in die sichere Heimat zu tragen, bevor der Mond zu hoch am Firmament stand. Dank der in Bundles of Bravery (2024) hinzugefügten Bündel musste ich mir zumindest keine Sorgen um mein Inventarmanagement machen.
Unsere bis dato ausgiebigste Erkundungstour begann in einer Schlucht, in die wir uns mit überraschend wenig Fallschaden abseilten. Zunächst gingen wir die schroffen Wände der Schlucht Ebene um Ebene ab und verleibten uns ihre Erze ein, ehe wir tiefer in das anschließende Höhlensystem eindrangen.
Doch auch diese dunklen Abgründe konnten unseren immensen Durst nach Kupfer nicht stillen. Süßes, süßes Kupfer. Wir brauchten mehr.
Wir bewegten uns weiter nach Süden. Während Alice von einem coolen Hügel abgelenkt war, auf den sie unbedingt klettern wollte, erspähte ich in der Ferne die Kronen von Akazienbäumen – sicheres Anzeichen für eine Savanne. Bislang hatten wir in dieser Welt immer nur recht klassisches Minecraft‐Terrain zu Gesicht bekommen – Grasebenen, Laubwälder und flache Strände – woran natürlich nichts verkehrt war, vor allem nicht dank der Vielzahl neuer atmosphärischer Details, die diese Biome seit Spring to Life (2025) zu bieten hatten, aber auf Dauer wurde die endlose Parade an Eichen und Birken dann doch etwas eintönig.
In der Savanne entdeckten wir dann auch schnell ein Dorf. Einer der Dorfbewohner hatte für uns freundlicherweise eine Karte bereitgelegt, mit der wir fortan unsere Reise geografisch nachvollziehen konnten. Handeln war jedoch nicht drin, da wir die Smaragde aus den verbuddelten Schätzen zu Hause gelassen hatten. Ich lief Alice einige Zeit hinterher, während sie erfolglos versuchte, streunende Katzen zu zähmen, bis wir plötzlich vor einem eindrucksvollen Höhleneingang standen.
Hier offenbarte sich nun die wahre Pracht von Caves & Cliffs, Part II (2021): Lange Zeit verfügte Minecraft nur über zwei Arten von Höhlen – Schlauchgänge und Canyons. Das war’s. In grauer Vorzeit (also während meiner Jugend) mag das vielleicht ausreichend gewesen sein, aber für ein Spiel, welches das Wort „Mine“ buchstäblich im Namen trägt, gab es unterirdisch meiner Meinung nach erschreckend wenig Abwechslung – auch mit all den Strukturen, die über die Jahre hinzugefügt wurden. Wie anspruchsvoll wir doch geworden sind.
Jetzt in der Moderne standen uns so viele verschiedene Sorten Höhle zur Verfügung, dass es schon fast lächerlich war. Große Höhlen, kleine Höhlen, ja sogar Höhlen, über die ich noch nicht reden möchte, da Alice sie noch nicht gesehen hat und ich ihr nicht die Überraschung verderben will. Die Höhlen sprudelten nur so heraus! Einige Leute vermissen die alte Generierung, aber ich zumindest hatte noch nie so viel Spaß unter der Erde wie mit diesem Update.
Der gigantische Schlund formte für uns eine einfach zu navigierende Terrassenlandschaft, in der wir allerlei Erze mit minimalem Zombieeinfluss, aber einem für mein armes Herz sehr ungünstig platzierten Creeper, finden konnten. Tiefer im Inneren witterte Alice eine Gelegenheit, sich den „Manche mögen’s heiß“‐Fortschritt zu schnappen, und zu ihrem Erquicken ließ sich dieses Vorhaben mit ihrer Vorliebe für hohe, schmale Türme kombinieren.
Glücklicherweise ging keine von uns in Flammen auf.
Wir begannen, die Erze, die wir auf unserem Trip bislang gefunden hatten, noch vor Ort einzuschmelzen, denn mit der ganzen Steinkohle, die uns vorgesetzt wurde, konnten wir uns das ja leisten. Im Eingangsbereich der Höhle war schnell nichts mehr großartig zu holen, also folgten wir alsbald einem kleinen Wasserfall hinunter in die tieferen Ebenen, die es auszuleuchten und auszunehmen galt.
Einer der vielen schmalen Gänge führte mich an einen Ausgang in den Hauptbereich der Höhle, von wo aus ich den dicht bewölkten Himmel durch eine Öffnung in der Höhlendecke sehen konnte. Eigentlich wollte ich diesen Anblick mit Alice teilen, nur gestaltete sich die Navigation durch diese verworrenen und beinahe identisch aussehenden Korridore derart schwierig, dass ich vorerst nicht wieder zu der Stelle zurückfand.
Das Untergeschoss der Höhle war in mehrere weitläufige aber relativ flache Räume eingeteilt, in denen man sich ebenfalls leicht verlaufen konnte. Überraschend wenig Monster stellten sich uns in den Weg, also konnten wir uns voll und ganz auf das Sammeln von Ressourcen konzentrieren. Einige Erze mussten wir jedoch schweren Herzens zurücklassen, da ein Teil des Höhlensystems direkt unter einem Flussbett lag und wir uns mit dem eindringenden Wasser, das all unsere akribisch platzierten Fackeln wegzuspülen drohte, echt nicht rumplagen wollten.
Am Ende lag nur noch ein unerkundeter Teil der Höhle vor uns: Ein pechschwarzer, vertikaler Schacht, der gefühlt nochmal genauso weit nach unten führte, wie wir uns bereits unter Tage befanden. Wir trauten uns weit genug hinein, dass ich Alice Tiefenschiefer vorstellen konnte – ein neues Gestein, welches nun das Höhenniveau markierte, auf dem in älteren Minecraft‐Versionen endgültig Schluss gewesen wäre – aber bei näherer Überlegung hielten wir es doch für klüger, erst einmal all unsere gesammelten Schätze nach Hause in Sicherheit zu bringen, bevor wir ein völlig neues Level betraten, das sich wer‐weiß‐wie‐weit erstrecken könnte.
Beim Verlassen der Höhle stellte ich verwundert fest, dass der Himmel eine sehr sonderbare Farbe angenommen hatte. Es dauerte allerdings nicht lange, bis mich der erste Donnerschlag‐Jumpscare auf den neuesten Stand der Dinge brachte: Es gewitterte.
Während eines Gewitters war es düster genug, dass Monster an der Oberfläche spawnen konnten – denkbar schlechte Bedingungen für den Heimweg. Wir hätten uns natürlich im Dorf Betten schnappen können, um das miese Wetter zu überspringen, aber ich besaß andere Prioritäten: Ich wollte unbedingt noch etwas Bambus aus dem nahegelegenen Dschungel mitnehmen, bevor wir heimkehrten, damit wir es später als Baumaterial verwenden könnten. Das Abenteuer ging in die Verlängerung.
Nun, rückblickend betrachtet war das eine furchtbare Entscheidung meinerseits. Auch wenn das Gewitter bereits abgeklungen war, bevor ich den Dschungel überhaupt erreichte – all die Monster waren nach wie vor zugegen. Normalerweise komme ich mit Creepern sehr gut zurecht, sofern sie mich nicht von hinten überraschen. Zuschlagen, zurückziehen, wiederholen. Irgendwie schienen in diesem Augenblick jedoch ein paar Drähte in meinem Kopf kurzgeschlossen gewesen zu sein, denn anstatt dieser simplen Taktik zu folgen, die sich in 15 Jahren Minecraft nicht nennenswert verändert hatte, prügelte ich wie wild auf den Creeper ein, was aufgrund des zuvor diskutierten neuen Kampfsystems lediglich zur Folge hatte, dass er direkt in meinem Gesicht explodierte.
Ein paar Sekunden später stahl mir dann ein Skelett auch noch das letzte Herz meiner Gesundheitsleiste und ich fand mich zurück am ursprünglichen Spawnpunkt der Welt wieder. Oh Junge, wäre echt praktisch gewesen, wenn wir diese Betten im Dorf benutzt hätten.
Alice besaß zu diesem Zeitpunkt nicht annähernd genügend Freiraum in ihrem Inventar, um zusätzlich zu ihrem eigenen Gepäck all mein Hab und Gut nach Hause transportieren zu können. Ich wollte aber auch nicht den gesamten Weg zurück in die Savanne auf mich nehmen, nur um mein Zeug aufzusammeln und dann direkt wieder umzukehren, also tat ich etwas sehr Böses: Ich nutzte die Konsole, um mich mit einem Serverbefehl zu Alice zu teleportieren. Ehrlich spielen lohnt sich nur so lange, wie es Spaß macht.
Nach diesem peinlichen Auftritt schnappte ich mir noch wie ursprünglich geplant etwas Bambus und dann wurde es wirklich endlich Zeit für den Heimweg.
Aber erst mussten wir natürlich noch auf einen Hügel klettern.
Es war nicht der Hügel, in den sich Alice ursprünglich verguckt hatte, aber er enttäuschte dennoch nicht. Vom Gipfel konnten wir hinunter in die Höhle lugen, in der wir so viel Zeit verbracht hatten, und auf der anderen Seite des Flusses konnte ich einen zweiten Hügel ausmachen, auf dem Kirschbäume wuchsen. Also musste es noch ein Umweg sein. Diesmal aber wirklich der letzte!
Ich liebe es, mit Kirschholz zu bauen. Unbeholfen erklomm ich den Hügel und streckte einen Kirschbaum nieder, um so viel wie möglich von ihm einpacken zu können.
Vom Hügel aus betrachtete ich den bereits zuvor erwähnten Fluss – jetzt mit der maximal erlaubten Sichtweite von 32 Chunks – und stellte fest, dass er direkt in Richtung Heimat zu fließen schien. Weshalb also laufen, wenn Boote existieren? Besonders da diese jetzt Platz für bis zu zwei Personen boten. Heh. Die Boote boten. Witzig.
Wie dem auch sei. Alice setzte sich ans Steuer (Ruder?) und ich setzte mich unangenehm nah hinter sie. Die die Ufer des Flusses patrouillierenden Monster waren zwar sehr motiviert, uns den Heimweg zu ruinieren, aber wir hatten so viel Zahn drauf, dass ihre Störversuche katastrophal scheiterten. Das Schicksal war uns hold, denn der Fluss führte tatsächlich direkt zurück nach Hause. Wir ließen das Boot am Strand zurück, markierten die Anlegestelle mit einer Fackel und eilten zurück ins Haus, um unsere Ladung zu löschen.
Am nächsten Morgen, der dank unserer Betten sehr fix kam, rannte ich im Wald hin und her und pflanzte planlos all die Akazien‐ und Kirschbaumsetzlinge, die wir gesammelt hatten, sowie ein provisorisches Bambusfeld. Währenddessen tat Alice etwas Produktiveres: Die ganzen Erze, die nun unsere Truhen verstopften, mussten verarbeitet werden. Die Kupferhütte war nur mit zwei oder drei Öfen ausgestattet; das Einschmelzen hätte eine halbe Ewigkeit gedauert. Platz für mehr Einrichtungsgegenstände gab es jedoch nicht, also wurde stattdessen die Fassade vorübergehend neu dekoriert.
Nachdem sich wieder eine gewisse Ordnung eingefunden hatte – bitte schaut nicht in unsere Kisten – stellte ich meine eigenen Bauskills zur Schau und legte die „Wand der Schande“ an.
Normalerweise spiele ich Minecraft mit einem bescheidenen Datenpaket aus eigener Produktion, welches allerlei Rezepte, Loottabellen und sonstige Spielfunktionen auf manchmal mehr und manchmal weniger subtile Art modifiziert. Dieses Spiel ist unglaublich leicht an individuelle Bedürfnisse anpassbar, selbst wenn man abgesehen von JSON nicht viel vom Programmieren versteht. Für diese Nachhilfestunde waren solcherart Umgestaltungen selbstverständlich inadäquat, aber ich hatte zumindest ein kleines Easter Egg eingebaut: Bei jedem Tod droppten wir eine Kopie unseres jeweiligen Kopfes, welcher sich als Block in der Welt platzieren ließ. Auf diese Weise könnten wir unkompliziert Buch darüber führen, wer von uns beiden objektiv betrachtet die bessere Minecraft‐Spielerin ist.
Letzte Amtshandlung des Tages war das Zusammensammeln all unserer Kupfervorräte in Vorbereitung auf die seit langem geplante Erweiterung unseres Hauses. Wir waren uns ehrlich gesagt uneins darüber, ob wir überhaupt weiterhin in diesem doch recht schnöden Hain wohnen wollten, oder doch lieber mit Kind und Kegel in eine spannendere Gegend – beispielsweise die mit der Savanne und dem Dschungel und all den hübschen Hügeln – zögen.
Aber diese Entscheidung musste warten. Alice wurde so allmählich müde und ich konnte es meinen Ohren nicht mehr länger antun, derart von meinem Headset zerquetscht zu werden. Wir hatten beinahe einen kompletten Arbeitstag nur mit Minecraft verbracht und das war wirklich mehr als genug fürs Erste. Es wurde Zeit auszuloggen.
Und so endete die Unterrichtseinheit. Von den 18 Minecraft‐Updates, die Alice versäumt hatte, konnte ich bereits neun explizit in diesem Blogeintrag verwursten, woraus ich schlussfolgere, dass diese heitere Runde wohl durchaus lehrreich war. Zumindest besaß Alice nun mehr Wissen als vorher, was nicht viele Lehrende auf die Reihe kriegen.
Und die Moral von der Geschichte, äh. Wenn ihr einen Schild craftet, dann nehmt ihn auch mit auf Erkundungstour. Mehr fällt mir nicht ein. Chicken Jockey?